Richtiges Verhalten bei und Umgang mit Kritik

Was ist Kritik in einem Gespräch mit dem Chef?

Kritik ist fachlich betrachtet eine prüfende Beurteilung einer Handlung auf der Grundlage von Maßstäben. Kritik wird im Gespräch mit entsprechenden Worten als Feedback geäußert. Sie ist als Kunst der Beurteilung eine der bedeutendsten Fähigkeiten des Menschen und führt zu einer Urteilsbildung. Kritik kann positiv und negativ sein. So viel zur Theorie.

Sehen Sie Kritik immer positiv! Da Kritik bei der Kommunikation immer auf den zwei Seiten der Gesprächsmünze stattfindet, also der Beziehungsseite und der Sachinhaltsseite, sollten Sie jede Aussage auf ihren Informationsgehalt auf beiden Seiten überprüfen. Wie wird etwas gesagt (Beziehung) und was wird gesagt (Sachinhalt)? Urteilen Sie selbst nicht zu voreilig. Sehen Sie Kritik als Möglichkeit, viele Informationen vom Chef aufzunehmen. Lieber ein Wort mehr als zu wenig. Der Ausspruch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ trifft bei der Kritik nicht zu. Hier ist Reden Gold. Wenn Ihnen der Chef wichtige Informationen verschweigt, ist das für Sie eher negativ.

Stellen Sie daher tiefer gehende offene W-Fragen und nehmen Sie als Erstes das Gehörte wortwörtlich und ohne Unterton auf. Sagen und meinen ist nicht immer dasselbe. Sagen und verstehen auch nicht. Bei Gesprächen mit dem Chef kommt es jedoch immer auf das Verstehen an. Stellen Sie offene Fragen wie zum Beispiel: „Frau X/Herr Y … Sie sagen … wie meinen Sie das genau?“ Wenn Sie sich im Gespräch mit dem Chef negativ berührt oder sich unfair behandelt fühlen, fügen Sie in Ihre Fragen folgenden Wortlaut ein: „Frau X/Herr Y … Sie sagen … dies lässt mich vermuten, dass Sie hier eine negative Erfahrung gemacht haben. Wie meinen Sie das genau?“ Durch das Wörtchen „vermuten“ oder „mir scheint es, als ob“ können Sie eine Vermutung vorsichtig und konfliktfrei aufgreifen, ohne dem Chef einen Vorwurf oder sogar eine Unterstellung zu machen. Dies sind die Grundlagen für eine konfliktfreie Kommunikation. Nutzen Sie auch hier offene W-Fragen wie „Wie? Was? Warum?“. Wenn Sie dadurch weitere Informationen vom Chef erhalten haben, fassen Sie Ihren verstandenen Inhalt der Aussagen nochmal kurz zusammen und holen Sie sich erneut Feedback ein. Damit wird jedes Kritikgespräch für Sie zum Minutengespräch.

Das Beste für Sie: Minutengespräche machen Sie zum Profi der Kommunikation. Privat wie auch beruflich.

Was steckt hinter den Aussagen von Kritik – egal ob positiv oder negativ? Der Mensch stellt sich die Frage, ob Sie Freund oder Feind sind. Positionieren Sie sich demnach immer als Freund und sorgen Sie für eine gute und sichere Beziehungsebene, die Bauch und Kopf des Chefs anspricht. Was beinhalten die Aussagen bei einem Kritikgespräch noch? Auch in bitter schmeckenden Worthülsen verbergen sich für Sie oft süß schmeckende Informationen für Ihre berufliche und persönliche Entwicklung. Der Chef äußert seine Motive, Bedürfnisse und Probleme häufig versteckt.

Stellen Sie sich einen Eisberg vor. Sie sehen über Wasser häufig nur die an der Oberfläche herausragende Spitze. Dies ist aber nur die Spitze des Eisberges. Der deutlich größere Teil bleibt unter der Wasseroberfläche verborgen. Saugen Sie mit Ihrem Fragenschwamm (über offene W-Fragen) so viele Informationen wie nur möglich auf und legen Sie damit den ursprünglich unsichtbaren Teil frei. Hier stecken Ängste, Schmerzen, negative Erfahrungen, Herausforderungen, Probleme, Hoffnungen, Erwartungen, Anforderungen, Interessen, Werte, Motive, Optimierungsmöglichkeiten, Ziele, Wünsche und Bedürfnisse des Chefs. Dieser Eisberg ist wie eine Bedürfnispyramide. Chefs geht es – wie allen Menschen – um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Stufenweise von unten nach oben sind das die folgenden: Sicherheit, Zugehörigkeit, Beziehung, Wertschätzung, Wissen, Bedeutung, Anerkennung, Balance, Wachstum, Erfüllung, Selbstverwirklichung sowie das Metabedürfnis um das Wissen über die Bedürfnisse anderer Menschen. Holen Sie sich Informationen und Feedback, bevor Sie zu schnell urteilen und sich gegebenenfalls unfair kritisiert fühlen.

Ein Tipp für kritische Aussagen des Chefs, die Sie überrumpeln und kurz sprachlos machen:

Halten Sie intensiven Blickkontakt und zählen Sie gedanklich bis drei. Holen Sie tief Luft, dies versorgt Ihr Gehirn mit Sauerstoff und steigert Ihre Konzentrationsfähigkeit sowie Ihr Denkvermögen. Nutzen Sie dann wieder folgenden Wortlaut: „Frau X/Herr Y … Sie sagen … (genauer Wortlaut der Aussage des Chefs), dies lässt mich vermuten, dass Sie hier eine negative Erfahrung gemacht haben. Wie meinen Sie das genau?“ Das wirkt, entschärft konfliktfrei Ihre Kommunikation und füttert das Gespräch mit weiteren Informationen. Um Kritik und jeden Konflikt im Vorfeld zu entschärfen, hilft eines der wichtigsten Grundpositionen der Menschheit: Jeder Mensch hat immer Recht!

Wenn Sie selbst etwas sagen und aussprechen, meinen Sie das auch so. Das ist bei Gesprächen mit Chefs, Vorgesetzten und Führungskräften genauso. Gleiches Recht für beide. Zeigen Sie Verständnis, Anerkennung und Einfühlungsvermögen. So sind Sie okay und der Chef ist auch okay. Ein Gespräch also zwischen Erwachsenen und auf Augenhöhe.

Stellen Sie sich vor, Ihr Chef und Sie wären ein Schneemann.

Zugegeben, das klingt zunächst etwas seltsam … Nehmen wir an, ein Schneemann besteht aus drei Kugeln. So sehen also beide Schneemänner gleich aus. Die Kugeln auf jeder Ebene sind bei Ihnen und dem Chef gleich. Nun stellen wir uns vor, dass die unterste Kugel bei Ihnen beiden für Ihre kindliche, die mittlere für Ihre erwachsene sowie die oberste für Ihre elterliche Kommunikation steht. Wenn sich nun beide Schneemänner gegenüberstehen und aus den einzelnen Kugeln sprechen, können Sie von Kind zu Kind, von Erwachsenem zu Erwachsenem oder von Elternteil zu Elternteil sprechen. Sie unterhalten sich also – egal auf welcher Ebene – immer auf Augenhöhe. So kommunizieren Sie und der Chef, als Sender und Empfänger, in Ihrem Gespräch wechselseitig immer parallel. Dies ist für eine konfliktfreie Kommunikation auch die Grundregel Nummer eins.

Warum? Weil Ihre wechselseitigen Erwartungen erfüllt werden. Dies kann jedoch auch funktionieren, wenn der Chef aus der Kugel des Erwachsenen zu Ihrer Kinderkugel spricht: „Beeilen Sie sich bitte, ich habe wenig Zeit.“ Wenn Sie erwartungsgemäß parallel zurückantworten „Ja mach ich, ich verstehe, dass Sie wenig Zeit haben“ wird auch dies konfliktfrei das Gespräch nach vorn bringen. Reagieren Sie jedoch, entgegen der Erwartungshaltung, aus zum Beispiel der Erwachsenenkugel mit „Meine Zeit ist auch kostbar“ schneiden sich die Kommunikationswege. Das tut nicht nur Ihnen, sondern auch dem Gespräch weh. Achten Sie also darauf, aus welcher Kugel der Chef spricht und antworten Sie parallel zurück. Vermeiden Sie demnach sich schneidende Kommunikationswege. Diese Erkenntnisse sind im Übrigen auch ganz hilfreich für Ihre privaten Partnerschaften und Beziehungen. So bringen Sie positiv das Eis im Gespräch zum Schmelzen. Probieren Sie es mal aus. Am besten kommen Sie in beruflichen Gesprächen mit dem Chef immer zwischen den beiden Erwachsenenkugeln zum Ziel. Sie befinden sich neutral in der Mitte, sind nicht zu tief oder zu hoch, umfassen einen größeren Bereich und gestalten Gespräche sachlich und professionell. Sie schauen weder von oben herab noch von unten ganz klein nach oben. Ein Gespräch zwischen Ihnen und dem Chef auf Augenhöhe eben. Erzeugen Sie Übereinstimmung und Commitment. Fragen Sie mit offenen W-Fragen nach der besten Lösung für den Chef und Sie beide: „Wie müsste das aussehen, dass wir beide rausgehen und gemeinsam sagen …?“

Zum Schluss noch ein paar Eisbrecher-Formulierungen für Ihren Umgang mit harter Kritik und einer unfairen Behandlung durch den Chef. Dazu greifen wir in unsere Gesprächsmagie-Werkzeugkiste und holen drei wirkungsvolle Werkzeuge heraus. Das Zoomwerkzeug, das Lösungswerkzeug sowie das Filterwerkzeug.

Das Zoomwerkzeug lässt Sie ganz tief zum Grund des verborgenen Eisberges blicken. Sie greifen wortwörtlich die Aussage des Chefs auf und gehen mit Ihrem U-Boot auf Tauchstation. „Sie sagten, dass …! Was genau verstehen Sie …? Was bedeutet das konkret? Was genau darf ich mir darunter vorstellen? Was geht Ihnen dabei genau durch den Kopf?“ So erhalten Sie ganz viele Informationen. Dann machen Sie Ihr U-Boot wieder zum Auftauchen bereit und fragen nach der Lösung für den Chef: „Was konkret muss ich Ihnen zeigen/beweisen, damit … (Lösung des Problems oder Vorteil des Chefs)?“. Gelangen Sie hier noch nicht aus dem Konflikt, greifen Sie zum Filterwerkzeug.

Das Filterwerkzeug lässt das Gespräch wie durch einen Filter laufen. Es sorgt dafür, dass Sie das Eis weiterhin zum Schmelzen bringen, damit Ihr Gespräch weiter flüssig läuft. Nutzen Sie den Wortlaut: „Dass Sie mir jetzt sagen … (Einwand, Kritik, unfaire Behauptung des Chefs) zeigt mir, dass wir etwas noch nicht besprochen haben. Was ist das?“ So schaffen Sie eine entschärfende Überleitung und der Chef kann sich Luft verschaffen. Egal auch hier, ob Sie positive oder negative Aussagen erhalten, Sie erhalten weitere Informationen zu Ihrer sowie der besten Lösung für den Chef. Um nun den Konflikt zu beenden und einen Schritt weiter zum Ziel zu kommen, nutzen Sie das Lösungswerkzeug.

Das Lösungswerkzeug ist Ihr Tropf- und Auffangbehälter für das schmelzende Eis, das durch Ihr vorheriges Gespräch mit dem Chef durch den Filter gelaufen ist. Sie haben ganz viele Informationen über Probleme, Motive und Bedürfnisse des Chefs gesammelt und gefiltert. Jetzt müssen Sie diese Informationen wieder einfrieren und zu einer perfekten Kugel in der Mitte des Schneemanns formen. „Gibt es außer, dass Sie mir jetzt sagen, dass Sie … noch einen weiteren Grund, der Sie davon abhält/zögern lässt …?“Grenzen Sie die erhaltene Information ein und schließen Sie weitere Faktoren aus. „Sonst ist alles zu Ihrer vollsten Zufriedenheit?“ Holen Sie sich hier ein deutliches „Ja“ ab und bestätigen Sie dies durch Feedback mit zum Beispiel „Prima!“. Fragen Sie weiter: „Wenn wir dafür gemeinsam eine Lösung finden, wollen wir dann …(Ihr Ziel jedoch aus der vorteiligen Sicht des Chefs formulieren)?“ Mit der konstruktiven Formulierung „Welche Lösung wäre das?“ haben Sie schließlich das Eis gebrochen und Ihr Gesprächsziel erreicht.

 

Quelle: Chefgespräch Coach Nr. 1 FÜR Mitarbeiter

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