Das Gehirn von Managern
Trotz Schnelllebigkeit im Umfeld des Menschen sind die Grundfunktionen des Gehirns unverändert. Das Gehirn besteht aus Milliarden Nervenzellen und ist als Steuerzentrale mit den Hauptaufgaben beschäftigt, Erregungen aufzunehmen, diese zu verarbeiten und wieder abzugeben. Das Gehirn besteht vereinfacht aus Großhirn, Zwischenhirn und Hirnstamm. Das Innere des Großhirns besteht aus Basalganglien, Thalamus, Hippocampus und Amygdala. Darunter liegen Mittelhirn (Hypothalamus), Kleinhirn und Hirnstamm. Der Hirnstamm ist überwiegend verantwortlich für die Kontrolle lebenswichtiger Grundfunktionen, von Atmung und Herzschlag bis hin zum Schlaf-Wach-Rhythmus. Das Kleinhirn ist u.a. zuständig für Feinabstimmung und Steuerung von stützmotorischen Teilen der Haltungen und Bewegungen sowie von Sprach- und Blickmotorik. Die Aufteilung der Großhirnrinde erfolgt in zwei Hemisphären. Dabei stehen die linke und rechte Hälfte in Wechselbeziehung zueinander, weil sowohl Bilder als auch Sprache jeweils bildliche und sprachliche Assoziationen bewirken. Es konnte nachgewiesen werden, dass in funktionalen Netzwerken emotionale und rationale Prozesse sehr eng miteinander verknüpft und anatomisch nicht klar trennbar sind.41

Das Zwischenhirn ist für das menschliche Fühlen, Denken und Handeln von entscheidender Bedeutung.43 Es wird auch limbisches System genannt und ist wesentlich an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt. Es ist zuständig für die Verarbeitung von Informationen, die emotionale Bewertung sowie die unbewusste Steuerung von Verhalten. An der emotionalen Bewertung von Objekten sind maßgeblich die zwei Amygdalae (Mandelkerne), Teil des präfrontalen Cortex (Frontallappen der Großhirnrinde), verantwortlich. Die Amygdala ist Teil aller großen Emotionssysteme und steuert u.a. Furcht- und Angstbewertungen sowie Affektmotorik/-verhalten und emotionales Lernen. Die Bewertungen der Amygdala werden durch den Hypothalamus in körperliche Reaktionen umgesetzt. Dadurch werden Nervenbotenstoffe und Hormone ausgeschüttet. Der Hippocampus ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des limbischen Systems. Er bildet das Gedächtnis, ist für das Verhalten verantwortlich und steuert u.a. emotionale Funktionen. Ohne den Hippocampus können keine bewusstseinsfähigen Informationen des Gedächtnisses im Gehirn gespeichert oder abgerufen werden. Der „Haben-wollen-Kern“ bzw. das „Belohnungszentrum“ ist der Nucleus accumbens. Als Relaisstelle zwischen limbischem System und Basalganglien ist er überwiegend für die aktive Umsetzung von Emotionen sowie die Umsetzung von Motivation in Aktion verantwortlich. Er ist aktiv, wenn erwartete und lustvolle Belohnungen (z.B. Kauf eines Produktes) für den Menschen bevorstehen.44

Die Großhirnrinde (Cortex) ist physisch gesehen der größte Teil des Gehirns. Im Unterschied zu allen anderen Lebewesen, bestehen bei Menschen innerhalb der Großhirnrinde wesentlich mehr Verbindungen, als von dieser zu anderen Hirnbereichen. Deshalb kreist das menschliche Denken in gewissem Maße um sich selbst. Hochkomplexe kognitive Operationen wie das menschliche Bewusstsein, das Abwägen, Bewerten, Planen sowie Blicke in Vergangenheit und Zukunft, laufen alle unter Mitwirkung der Cortex ab. Diese neuronalen Besonderheiten unterscheiden Menschen von allen anderen Lebewesen. Einzelne Neuronen sind dabei meist nicht fix miteinander verbunden, sondern kommunizieren durch zwei Signale mittels chemischer Neurotransmitter. So können sie eine Zelle durch elektrische Impulse entweder hemmen oder erregen. Demnach sind alle Erinnerungen und Sinneseindrücke Verknüpfungen von zum Teil weit entfernten Hirnarealen und dadurch komplexe Prozesse des menschlichen Bewusstseins, welche nicht statisch sind sondern sich in Bruchteilen von Sekunden ändern können.46
Viele Menschen sprechen noch heute von „Bauch-Entscheidungen“, weil sie die vollständige Beschränkung der kognitiven Fähigkeiten auf den Kopf nicht wahr haben wollen. Dabei sind intuitive Bewertungen, Intuitionen oder „Bauchgefühle“ zweifelsfrei dem Gehirn zuzuordnen. Psychische Prozesse sind ausschließlich und vollständig von Hirntätigkeiten abhängig. Gefühle befinden sich neben u.a. Wissen, Gedanken, Stimmungen und Affekten im Gehirn und bilden auf Grundlage menschlicher „Emotionen“ wie z.B. Angst oder Freude psychophysiologische Reaktionen. Diese werden durch körperliche Reaktionen wie Erweiterung der Pupillen, dem Herzschlag und Ausdruck im Gesicht spürbar sowie beobachtbar. Gefühle sind demnach keine Intuitionen.47
Die Vorstellung des „Zwei-Hemisphären-Modell“, nachdem die linke Gehirnhälfte rational und die rechte Hälfte des Gehirns emotional sei, ist zwar weit verbreitet und beliebt aber falsch. Beide Gehirnhälften haben über 200 Millionen sehr eng miteinander verzahnte Nervenfasern, sie sind beide emotional und enthalten beide kognitive, nichtemotionale Strukturen. Die Amygdala als eines der wichtigsten emotionalen Zentren im Gehirn sitzt anatomisch gesehen in beiden Hälften des Gehirns und liegt direkt neben dem Hippocampus, der kognitiven Zentrale, über welchen Informationen ins Langzeitgedächtnis gelangen. Demnach sind das kognitive Gedächtnis und Emotionen nicht voneinander zu trennen und anatomisch komplett miteinander verzahnt. Darüber hinaus gibt es keine sprachlich-rationalen und bildlich-emotionalen Gehirnzugänge. Auch rein rationale Vorgänge gibt es im Gehirn nicht, weil alle Informationen von ihm emotional bewertet werden, wie die Hirnforschung zeigt.48
An jeder Entscheidung sind vier Systeme des menschlichen Gehirns beteiligt. Das Belohnungssystem, emotionale System, Gedächtnissystem sowie Entscheidungssystem, indem alle Informationen letztendlich zusammengeführt und abgewogen werden. Das Belohnungssystem aus u.a. „Nucleus accumbens“ als wichtigster Teil sowie Teile des Frontallappens der Großhirnrinde, ist eine komplexe Verflechtung von verschiedenen Hirnarealen. Bei ihm tritt im Unterschied zu anderen Hirnregionen auch bei kontinuierlicher Stimulation keine Gewöhnung ein. Durch die Aktivierung des Belohnungssystems fühlen sich Menschen zufrieden und gut. Weil es nur durch äußeres Zutun aktiviert wird, spornt es Menschen immer zu neuen Aktivitäten und Handlungen an, worin auch sein Zweck liegt. Als zentral zuständige Schnittstelle verschiedener Be- und Verarbeitungsprozesse moduliert, verstärkt oder modifiziert es unbewusste Gedankenprozesse, welche sich durch Lernen beeinflussen lassen.49
Als bewertende Instanz gilt das emotionale System. Das „limbische System“ ist ein theoretisches Konzept und keine anatomisch genau definierte Struktur, welches an der Emotionsbildung sowie Entstehung von Gedächtnisinhalten beteiligt ist. Es wurde in der Vergangenheit oft als Zentrum der Emotionen angesehen. Heute werden verschiedene Emotionen unterschiedlichen Regionen im Gehirn zugeordnet. Emotionen sind alte Gehirnfunktionen, welche jeweils komplexe und spezifische Aktivitätsmuster im Gehirn auslösen. Früher sicherten sie durch Wut oder Furcht, also der Entscheidung zu Kampf oder Flucht, das Überleben der Menschen. Im Laufe der Evolution entwickelten sich diese Emotionen weiter und wurden ergänzt. Emotionen können u.a. Vertrauen, Wert, Verlangen, Lust, Selbstrelevanz, Zugehörigkeitsgefühl, Misstrauen, Ärger und Aufmerksamkeit sein. Das emotionale System bewertet eingehende Reize und lässt darauf eine Reaktion folgen. Zwar funktionieren Emotion und Kognition getrennt, sie stehen aber in ständiger Wechselwirkung zueinander. Ob etwas gut oder schlecht für eine Person wahrgenommen wird entscheiden Emotionen. Häufig setzt ihre Wirkung ein, bevor der entsprechende Reiz vom Wahrnehmungssystem vollständig verarbeitet wurde. Als unbewusste Bewertung von Reiz und Reaktion dienen sie Menschen zur Organisation und Orientierung seines Verhaltens sowie zur Motivation bestimmter auf die Zukunft gerichteter Handlungen.50
Wichtige Informationen werden vorrangig im Gedächtnissystem gespeichert. Es dient dazu Informationen zu sammeln, welche jetzt und in Zukunft genutzt werden können. So werden kaum unwichtige und uninteressante Informationen gespeichert, sondern solche, von denen Menschen vermuten, dass diese zukünftig einen Wert haben könnten. Die Entscheidung über die Informationsspeicherung kann sowohl unbewusst als auch bewusst durch gezieltes Lernen erfolgen. Wenn neue Informationen eingehen, werden sie mit Erinnerungen abgeglichen und an Bereichen gespeichert, welche bereits für ähnliche Situationen festgehalten wurden. Aus diesem Grund werden Erwartungen an Orten des Gehirns gebildet, wo die damit im Zusammenhang stehenden Erinnerungen abgespeichert wurden. Die vereinfachte Unterteilung des Gedächtnissystems erfolgt in Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsspeicher) und Langzeitgedächtnis. Während das Kurzzeitgedächtnis z.B. zum Vergleichen in einer bestimmten Situation verwendet wird, formt das Langzeitgedächtnis Menschen mit all Ihren Eigenheiten, Fähigkeiten sowie individuellen Vorlieben und Wünschen. Darüber hinaus lässt sich das Gedächtnissystem in deklaratives und prozedurales Gedächtnis aufgliedern. Im deklarativen Gedächtnis befindet sich das semantische und biografische Gedächtnis, in dem Wissen gespeichert sowie Hintergründe und Zusammenhänge verständlich gemacht werden. Für ablaufspezifische Fertigkeiten, motorisch-mechanische Fähigkeiten sowie die Reaktion auf Signale ist das prozedurale Gedächtnis zuständig. Hier werden bspw. gelernte Fähigkeiten für Aktionen und Handlungen abgespeichert. Generell ist zu sagen, dass sich das menschliche Gehirn in einem konstanten Prozess der Veränderung befindet, bei dem neue Informationen hinzukommen und vorhandene Informationen vergessen, unwichtig oder andere neu gedeutet werden.51
Das oberste Kontrollzentrum im Gehirn ist das Entscheidungssystem, der präfrontale Cortex, welcher ca. die Hälfte des Gehirns in Anspruch nimmt und Teil des Frontallappens der Großhirnrinde ist. Alle wichtigen Informationen laufen hier zusammen, werden verarbeitet und die für wichtig befundenen Sinneswahrnehmungen werden weitergeleitet. Das Entscheidungssystem integriert die Informationen aus Belohnungssystem mit dem emotionalen System sowie Gedächtnissystem. Es trifft in Situationen die Entscheidung, wie Menschen Ihre Handlungen ausführen und steuern oder auch emotionale Prozesse beherrschen. Zusätzlich beachtet der präfrontale Cortex soziale Normen. Bei Menschen in industrialisierten Ländern sind darin zwei, sich in ihrer Wirkung gegenseitig ausschließende und unterschiedliche Normensysteme, verankert. Während das eine nach ökonomischen Prinzipien funktioniert und bspw. Vorteile und Nachteile, Leistung, Nutzen und Preise gegeneinander abwägt, lenkt das andere System nach sozialen Normen die Hilfsbereitschaft sowie Rücksicht, fördert faires Verhalten und bestraft unfaires Verhalten von Personen. Dabei können die Regeln des einen Normensystems gegen das andere ausgetauscht werden. Solche Veränderungen sind jedoch nur schwierig rückgängig zu machen. Es wurde nachgewiesen, dass Menschen bei Aktivität des sozialen Systems Hilfsbereitschaft zeigen. Wenn jedoch zusätzlich zur Hilfeleistung eine Belohnung in Form von z.B. Geld geboten wird, kommen die ökonomischen Marktgesetze zum tragen und Menschen fragen sich(,) ob die Höhe der Geldzahlung in einem angemessenen Verhältnis zur Leistung steht oder ob die Person die Belohnung überhaupt will. Dies zeigt, dass der Preis zwischen dem sozialen System und dem Marktsystem eine entscheidende Bedeutung hat. Das soziale System funktioniert ohne Probleme wenn es etwas gratis gibt oder kein Preis vorhanden ist. Sobald ein Preis vorhanden ist, wird die Leistung genau nachgerechnet und der Preis emotional markiert. Zusätzlich erfolgt eine Aktivierung des Schmerz- oder Belohnungszentrums. Informationen über den Preis werden in der Insula, dem Schmerzareal des Gehirns verarbeitet. Preisentscheidungen sind sehr komplex. Der Preis wird geprüft, wenn das Belohnungszentrum etwas haben will. Ist der Preis zu hoch, wird er vom präfrontalen Cortex als schmerzhaft empfunden. Bei der Kaufentscheidung eines Produktes werden dann das emotionale System und das Gedächtnissystem herangezogen. Das positive oder negative Erleben im Zusammenspiel der vier Systeme entscheidet für oder gegen den Kauf eines Produktes. Gibt es bei der Kaufentscheidung nur ein Produkt gibt es die Entscheidung „ja“ oder „nein“. Wenn jedoch bei der Auswahl mehrere Optionen zur Verfügung stehen, wird meist eine Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten getroffen. Am häufigsten wird dann das Produkt gekauft, welches sich weder am unteren noch am oberen Ende der Preisskala befindet. Das Entscheidungssystem kann vom Belohnungssystem ausgetrickst werden. Experimente haben gezeigt, dass bei der Entscheidung eine kleine Belohnung jetzt oder eine höhere Belohnung später zu erhalten, sich das Belohnungssystem mit der Präferenz jetzt in der Regel besser durchsetzt als das Entscheidungssystem mit der zukünftigen und langfristig besseren Option.52
Verarbeitungsprozesse im Gehirn erfolgen multisensorisch. Das menschliche Gehirn wandelt jegliche Eindrücke und multisensorischen Ereignisse aller fünf Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen) zu einer emotional-kognitiven ganzheitlichen Wahrnehmungseinheit zusammen. Je mehr Sinne beim Menschen angesprochen werden, desto größer ist die Wirkung. Bezieht man dies auf die Behaltensleistung von Informationen wird deutlich, dass Menschen beim Lesen zehn Prozent, beim Hören 20 Prozent, beim Sehen 30 Prozent, beim Sehen und gleichzeitigem Hören 50 Prozent und beim Sehen sowie zeitgleichen Sprechen 70 Prozent der aufgenommenen Informationen behalten. Beim interaktiven Handeln, also selbst tun, miterleben und mitgestalten behalten Menschen sogar maximal 90 Prozent der Informationen.53

Die Ausführungen verdeutlichen die Komplexität des Gehirns sowie menschlicher Entscheidungen und Kaufentscheidungen. Aufgrund des Fokus dieser Arbeit wird vertiefend näher auf die Sinne Hören und Sehen also stellvertretend auf Kommunikation und Visualisierung von Personen im Allgemeinen und Managern im Besonderen eingegangen. Da Manager ebenfalls nur Menschen sind und die Grundfunktionen des menschlichen Gehirns trotz Schnelllebigkeit im Umfeld unverändert blieben, wird auf eine Differenzierung zwischen Menschen und Managern verzichtet.
Die Evolution prägte mit Ihren Selektionen die menschlichen Gehirne seit Jahrmillionen.54 Das Gehirn hat den Zweck grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, Fortpflanzung und Kommunikation mit anderen zu sichern. Insgesamt hängt das Überleben von Menschen davon ab, wie gut die Integration in das soziale Netz erfolgt. Kommunikation ist für den Mensch als „Herdentier“ Grundvoraussetzung für sein Leben und Überleben. Für die Interaktion mit anderen Menschen gibt es so viele Areale im Gehirn wie für keine andere Funktion.55 Aus diesem Grund wird folgend tiefer auf die Kommunikation von Managern eingegangen.

 

41 Vgl. Pispers/Dabrowski (2012), S. 66.
43 Vgl. Fehse (2009), S. 47f.

44 Vgl. Pispers/Dabrowski (2012), S. 68f.

46 Vgl. Fehse (2009), S. 48f.
47 Vgl. Fehse (2009), S. 44ff.
48 Vgl. Scheier/Held (2012), S. 30.

49 Vgl. Müller (2012), S. 54f.
50 Vgl. Müller (2012), S. 56f.
51 Vgl. Müller (2012), S. 58ff.

52 Vgl. Müller (2012), S. 60ff.
53 Vgl. Pispers/Dabrowski (2012), S. 87ff.

54 Vgl. Müller (2012), S. 63.
55 Vgl. Scheier/Held (2012), S. 35f.

 

Quelle: Institut für ManagementVisualisierung

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